Hochsensibilität

High Sensible Persons (HSP)

In der Fachliteratur wird nicht immer unterschieden zwischen hochsensiblen und hochsensitiven Menschen, denn letztlich handelt es sich im Kern um Spielarten ein- und derselben Fähigkeit: Hochsensible Menschen registrieren mit sehr feinen Antennen alles, was um sie herum geschieht – sie erfassen eine Situation blitzschnell mit ihren fünf Sinnen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten), einschließlich dessen, was diese Impulse in ihnen auslösen – meist ohne dass dieser Prozess bewusst als eine aktive Verarbeitung erlebt und „registriert“ wird.

Dieses „Feuerwerk“ an Eindrücken führt vielmehr im Gegenteil oft zu einer Überforderung des Sinnes- und Nervensystems, von der sich Menschen mit dieser Gabe erholen müssen. Viele Hochsensible tun dies instinktiv in der Natur und in der Stille, weil sie spüren, wie wichtig es für ihr seelisches, körperliches und mentales Wohlbefinden ist, ihre persönliche Balance zwischen anregenden Aktivitäten und geruhsamen Auszeiten zu finden. Aus meiner Erfahrung gehen außergewöhnliche Wahrnehmungsfähigkeiten und Hochbegabung oft Hand in Hand: Wer schneller und differenzierter wahrnimmt als andere, kann aus der Summe aller Eindrücke besser Muster ableiten, diese wiedererkennen und auch angemessener damit umgehen. Wer schneller und erfolgreicher lernt, entwickelt mehr Motivation weiter zu lernen; ein Kreislauf positiver Verstärkung aus Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Erinnerungsvermögen setzt ein.

Viele feinsinnige Menschen sind introvertiert, denn sie tanken in solchen Phasen des Rückzugs auf. Sie brauchen mehr Zeit, um Erlebnisse und das, was sie an Gedanken und Emotionen wachrufen, zu „verdauen“, da ihr natürlicher Filter für Außen- und Innenreize durchlässiger ist. Das führt schnell zu einer erheblich „lauteren inneren Geräuschkulisse“, als bei Menschen mit dickerem Fell. Es kostet sie Kraft und kann sehr nervenaufreibend sein, in einer Situation der Reizüberflutung (Silvesterparty, Großstadtverkehr, Flughäfen) bei einem hohen inneren und äußeren Stresspegel äußerlich ruhig, verbindlich und freundlich zu bleiben. Dieses Wissen kann sehr hilfreich sein, um auch in turbulenten Momenten gut für sich zu sorgen und bei Bedarf das eigene Umfeld entsprechend einzuweihen. Empfindsame Menschen können die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen i.d.R. erheblich besser erspüren und lesen als es umgekehrt der Fall ist. Sie halten sich oft für „überempfindlich“ und leiden dabei im Stillen unter der vermeintlichen Rücksichtslosigkeit ihres Umfelds.

Norwegen

Partnerschaft

Die Konflikte mit Partnern wie mit Kindern, die sich aus dieser Wesensart ergeben, können dramatische gesundheitliche wie familiäre Konsequenzen haben. Es fällt uns oft schwer, gegensätzlich Interessen als Ausdruck vitaler und damit legitimer Bedürfnisse anzuerkennen und auf Basis dieser geteilten Grundannahme gemeinsam nach Lösungen zu suchen – unter Berücksichtigung geteilter und abweichender Wünsche. Dabei ist es weder sinnvoll, sich von allem zurückzuziehen und „in Watte zu packen“, denn dann wird immer weniger Anregung immer schneller zu Reizüberflutung führen. Genauso unklug wäre, sich auf Biegen und Brechen „abhärten“ zu wollen, weil dies am Ende dazu führt, dass ein empfindsamer Mensch sich von seinem – völlig normalen – Stresserleben abschneiden muss und irgendwann ernsthaft erkrankt.

Kinder

Auch Kinder verlernen buchstäblich ihre gesunde Selbstwahrnehmung, weil ihr Erleben von der Umwelt selten bestätigt wird.

Körperliche Reaktionen

Viele hochsensible Menschen reagieren körperlich stark auf ihre jeweiligen Stressoren und kennen eine breite Palette von Warnsignalen, die trotz „Behandlung“ selten verschwinden. Dazu gehören vor allem psychosomatische Reaktionen wie Migräne, starke Verspannungen, Rückenschmerzen, Nervosität, Reizdarmsyndrom, Schlafstörungen, Tinnitus, Bluthochdruck, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung – bis hin zum totalen körperlichen, mentalen und emotionalen Burnout.

 

Wiederkehrende Wesensmerkmale hochsensibler Menschen mit hohem Verschleißpotenzial sind:

  • ausgeprägter Perfektionismus und hohe Ansprüche – an sich selbst und andere,

  • Hilfsbereitschaft bzw. Schwierigkeiten, sich abzugrenzen und „Nein“ zu sagen,

  • große Ernst- bzw. Gewissenhaftigkeit, hohes Verantwortungsbewusstsein,

  • ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und überdurchschnittliche Verletzlichkeit.

 

Was die Stimulation durch Reize angeht, gilt außerdem für hochsensible Menschen …

  • hohe Schmerzempfindlichkeit bzw. starke Reaktion auf Medikamente,

  • große Empfindlichkeit gegenüber Materialien (Wolle!), grellem Licht, bestimmten Farben, strengen Gerüchen, bestimmten Geschmäckern oder Konsistenzen von Nahrungsmitteln,

  • starke Stressreaktion bei Mehrfachbelastung und vielen Veränderungen,

  • großer Ruhe- und Rückzugsbedarf, Präferenz für Zwiegespräche vor Gruppen,

  • ausgezeichnete Fähigkeit, zuzuhören und sich einzufühlen (Ratgeber für andere),

  • sehr hohes Reflexionsvermögen und -bedürfnis (Hang zum Grübeln, Melancholie),

  • starke Beeinflussbarkeit durch Stimmungen anderer (Schmerz, Leiden, Konflikte).

Als zutiefst rationaler Mensch fällt es mir schwer, es für Zufall zu halten, wenn Risikofaktoren für Burnout-Kandidaten sich lesen wie die Beschreibung eines/einer Hochsensiblen und es zugleich äußerst naheliegend ist, dass sich solche empathiebegabten Menschen vor allem in typischen „Helferberufen“ engagieren, in denen Burnout überproportional oft vorkommt.